ZEIGT HER EURE FÜSSE-ZEIGT HER EURE SCHUH
- Feb 20, 2015
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Also, wenn diese Geschichte nicht tatsächlich passiert wäre, man hätte sie direkt erfinden müssen.
Es geschah an einem dunklen Winternachmittag. Es war Donnerstag, 15Uhr und obwohl die Christa Kummer Schneefall vorausgesagt hatte, auch in der Stadt, war es nur kalt, düster und einfach grauslich.
Stunden zuvor, hatte ich meinen kleinen Spatz vom Kindergarten abgeholt. Schon um 11Uhr hatte es im Büro geklingelt und Tante Uschi hatte in den Hörer geflötet.“Geh, Frau Gmeiner, grüß si. Es tut mir ja so leid, dass ich sie in der Arbeit stören muss. Aber der Leon hat hohes Fieber und einen Ausschlag. Also, wenn sie mich fragen, dann hat er die Röteln.“ Gesagt getan, blutendes Mutterherz lässt alles stehen und liegen und
rast mit Affenzahn zum Kindergarten. Leon sieht zum Erbarmen aus. Den nächsten freien Arzttermin bei geliebtem Kinderarzt Dr. Strelo, gibt’s erst um 15.30h. „Ja, Frau Gmeiner, ich kann sie nur einschieben. Die Ordination ist voll. Ja, es haben alle Fieber. Ja, auch manche mit Ausschlag.“
Als ich meine Stiefeletten im Stiegenhaus vor der Ordi ausziehe, habe ich Mühe, einen Platz für sie zu finden. Ich glaube, es standen da an die 30 Paar Schuhe. Ja, das ist dort so üblich. In die Ordi nur mit Gästepatschn. Die sind aus. Ich gehe mit den Socken in die Ordination. Den Leon trage ich. Er ist wieder eingeschlafen. Wir müssen in das Extrazimmer zu den anderen Ausschlagkindern. Bitte warten! Endlich kommen wir dran. Dr. Strelo bestätigt Tante Uschis Rötelinterpretation.
„Ja, selten, aber der Leon hat den ganz typischen Ausschlag von Ringelröteln. Schmetterlingsförmige Hautrötung im Gesicht, auf Wangen und Nasenwurzel. Ausschlag auf Armen, Beinen und auf dem gesamten Körper. Nur nicht auf den Handinnenflächen und Fußsohlen. Ich schreibe ihnen etwas gegen den Juckreiz und die Schmerzen auf für den Leon. Haben sie noch was gegen Fieber daheim?“ Ich bekomme ein
Rezept mit, stecke es in meine Jackentasche. Schnell noch ein Blick auf die Uhr. Hat die Apotheke noch offen?
Ja, das geht sich aus. Leon ist aufgewacht und raunzt und jammert. „Bitte Leon, mein Schatz. Wir müssen nur noch in die Apotheke. Wird wieder gut. Mama muss noch die Schuhe anziehen und dann fahren wir schon.“
Ja, Mama muss noch die Schuhe anziehen. Schuhe. Wo hab ich sie hingestellt? Doch, sicher. Ja, ich bin mir ganz sicher. Da, auf der letzten Stufe. Weil ja schon alles voller Schuhe war. Sie sind weg. Sie sind nicht mehr da. Ich gehe noch einmal zur Sprechstundenhilfe. Natürlich hat sie meine Stiefeletten nicht gesehen. Weder an den Füßen einer anderen Person, noch sonst irgendwie. Wie könnte sie auch. Wo doch
in der Ordination Schuhverbot ist. Leon raunzt, glüht. Ich glühe jetzt auch. Keine Schuhe. Auch gut.
Was hätte ich tun sollen? Also in den Socken zum Auto. Ja, und da war sie. Die Prophezeiung der lieblichen Wetterfrau Kummer- hat sich nun erfüllt: Schnee. Es schneite und schneite, schon war die Straße schneebedeckt. Schön weiß und kalt. Und nass. Füße in Socken ohne Schuhe, rein in den Schnee.
Rein ins Auto. Starten. Abrutschen mit den nassen Socken vom Gaspedal. Gas geben. Schnell fahren.
Viel zu schnell. Leon auspacken. Leon auf die Schulter hängen. In die Apotheke rein. Viele Menschen sind in der Apotheke. Viele Menschen schauen auf meine nassen Socken. Murmeln. Schütteln die Köpfe. Zeit für Erklärungen habe ich nicht. Mein krankes Kind will heim.
Wieder rein ins Auto. Gas geben. Nur heim will ich. Schnell fahren. Viel zu schnell. Die Polizeisirene höreich zuerst. Dann sehe ich das Blaulicht im Rückspiegel. Sie überholen mich, winken mich an den Straßenrand. Ohje! Sie meinen wirklich mich. „Guten Tag. Fahrzeugpapiere, bitte. Und aussteigen, bitte.“, lächelt der freundliche Polizeibeamte. Und es schneit noch immer. Ziemlich stark schneit es jetzt. Der Polizeibeamte bemerkt wohl, dass ich versuche, meine Füße zu verstecken. Und starrt nun extra drauf.
„Sie haben keine Schuhe, gnädige Frau?“ Fast schon heulend, bricht es aus mir raus. Der ganze Albtraum.
Ich weiß nicht, was es dann war, was die Polizei dazu gebracht hat, Milde walten zu lassen. Entweder hatten sie Erbarmen mit dem kranken Leon, oder mit meinen kalten nassen Füßen und meiner weinerlichen Erklärung. Ich war noch mal mit einer Abmahnung davon gekommen.
Leon wurde bald wieder gesund. In der Apotheke schauen sie mich noch heute ein bisserl komisch an.
Bilde ich mir zumindest ein.
Meine schönen Lederstiefeletten habe ich nie mehr wieder gesehen. Auch nicht an den Füßen einer anderen Person.




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