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News aus der Hühnerkommune

  • May 27, 2015
  • 4 min read

Fortsetzung

Kurz aufgewärmt schiebe ich meine Abscheu vor dem eisigen Maiwetter beiseite und begebe mich schnell wieder in den Garten zu meinem Hühnertrupp. Olgas Legezeit ist in der nächsten Stunde und ich möchte mich vergewissern, dass sie dabei nicht gestört oder gar wegen der Ankunft der beiden Schönen davon abgehalten wird, ihr Ei zu legen.


Ok, also die Absperrung, mit der ich Friedas Ruhebedürfnis unterstreichen wollte, kann ich mir


sparen. Conchita hat sich frech darüber hinweggesetzt. Im wahrsten Sinn des Wortes. Weg damit. Wieder einmal mehr realisiere ich, dass wir unsere Gedankengänge doch noch viel mehr an die Tierwelt anpassen sollten und nicht umgekehrt.

Das wiederum bestärkt mich darin, meine schon durchdachten Interventionen zu Olgas Legebedürfnis hintan zu halten und der Natur freien Lauf zu lassen. Ich beobachte also nur. Unsere beiden Schönen sind grade jetzt, genau in Olgas Legeecke im Erdgeschoss. Diese hat sie als solche auserkoren, seit sie die obere Etage nur mehr mit meiner Hilfe bezieht. So ist seither das zweite Legenest im Obergeschoss unbenutzt. Olgas eingeschränktes Sehvermögen seit dem Unfall hält sie doch immer noch davon ab, die Hühnerstiege zu benutzen. Wie wird Olga das Problem nun lösen? Sie geht im Käfig hin und her, mal raus, dann wieder rein und gackert noch leise, aber merklich aufgebracht.

Weil ich mich ja nicht einmischen will,


aber doch meine Anteilnahme signalisieren möchte, gackere ich halt auch auf menschlich so dahin:“ Olga, das Problem musst du irgend wie lösen. Es wird dir sicherlich was einfallen. Nur lass dich bitte auch nicht vertreiben. Naja, damit würdest du wohl deine Position irgendwie abgeben. Oder? Sehe ich das falsch? Nein, es ist gewiss nicht so, dass ich dich wegen deines Handicaps anders behandeln möchte. Oder doch? Mache ich das nicht die ganze Zeit? Na bitte, jetzt weiß ich was du meinst. Ja ok, ich bin mir sicher, du schaffst das. Ok, ich vertraue dir. Und ich bin sicher, du findest einen Weg. Und ich mische mich auch nicht ein, versprochen.“ Und wieder verstehe ich unser menschliches Versagen, auch in unserer Menschenordnung, gerade in solchen Dingen, wo wir die Sache dann doch mit unseren Augen betrachten.

Olga ist nun in den Stall zurückgekehrt und ich beobachte erstaunt, dass sie versucht, auf die beiden Schönen hin zu pecken. Weil sie aber ja nicht mehr dimensional sieht, sondern, so wie ich glaube in geraden Flächen, und nur mit einem Auge, verfehlt sie ihr Ziel jedes Mal. Die beiden bekommen aber sehr wohl mit, dass hier gerade eine Ordnungsregel verteidigt wird. Sie bewegen sich ein kleines Stück zur Seite. Aber sie bleiben. Olga gackert jetzt – in meine Richtung. „Olga, du musst dir wohl was anderes einfallen lassen. Komm, sei kreativ. Es fällt dir was ein.“ Versuche ich sie zu ermutigen.

Ja und Olga ist tatsächlich kreativ. Warum es hiervon leider kein Foto gibt, liegt einzig und allein daran, dass ich nun so sehr lachen muss und vor Freude rumspringe, überrascht und zur gleichen Zeit voller Respekt für Olgas Ideenreichtum. „Bravo Olga“ Braaaavooo!“ rufe ich und klatsche begeistert und auch, das muss ich zugeben mit ein wenig Stolz, weil Olga ihr Handicap und die Situation besiegt hat.

Sie flattert in die Höh, mehrmals und schlägt mit den Flügeln, sehr heftig und – ich muss schon wieder lachen – macht mit ihren Hühnerfüßen so eine Art Kickboxen in Richtung Conchita und Schuschu. Ohne die beiden dabei wirklich zu treffen. Diese scheinen genauso überrascht wie ich von dieser Vorstellung und tatsächlich verlassen sie Olgas Legeecke nun endgültig.

Olga schüttelt noch mal ihre Federn, plustert sich auf und ist nun ganz bei der Sache. Legezeit. Ich bin so stolz auf dich Olga!

Das Ei ist bald gelegt und Olgas Eialarm lockt sogar für kurze Zeit Frieda wieder aus ihrem Nest hervor.

Olga erfährt nun allen Respekt von Conchita und Schuschu.

Sie folgen ihr überall hin und Olga scheint ihre eigene Gartenführung regelrecht zu genießen.


So vergeht ein harmonischer Nachmittag in der Hühnerkommune. Sogar die zickige Frieda frisst gemeinsam mit den anderen, ohne zu motzen. Es gibt leckeres Gemüse mit Petersilie und Rosmarin, frisch aus dem Garten, aufgeweichtes Brot und kleingestossene Eischalen.

Und ich, ich staune wieder einmal und bin dankbar für den wundervollen Hühnerlehrgang meiner außerordentlichen Kommune.

Gegen 20 Uhr wollen nun alle schlafen gehen. Billie meine uralte Hundedame begleitet mich, wie immer, und legt sich neben den Stall. Joda sitzt im hohen Gras und auch Lillifee unser zweites Kätzchen beobachtet wie immer eher von der Ferne, die allabendliche Schlafzeremonie.

Die letzte Aufgabenstellung der vier Hühnerdamen, an diesem wirklich ereignisreichen Tag steht bevor.

Wie werden sie sich wohl formieren? Wer wird wo schlafen? Alle im oberen Stockwerk? Frieda sitzt ja wieder und - nach wie vor - in ihrem Legeschlafnest, ich setze Olga, so wie jeden Abend auch, nach oben, sie macht es sich, wie immer auf einer Stange in Friedas Nähe bequem.


Conchita und Schuschu sind Olga gefolgt und stehen irgendwie ratlos rum. Conchita ergreift als erste die Initiative. Sie peilt den Platz neben Frieda an.


Ah, das leere Legeschlafnest bekommt wieder einen Bewohner, wie es aussieht. Schuschu wuselt ihr nach, will augenscheinlich bei Conchita sein. Nochmal wird rumgerückt, Platz getauscht. Unruhe entsteht.

Also beschließe ich einfach, mit meinen Gute Nachtliedern zu beginnen.


Und ich singe und singe. „Guten Abend, Gut Nacht, mit Rosen bedacht…“ – „ Lalelu, nur der Mann im Mond schaut zu…“ und nochmal und nochmal,….leise ist es geworden im Hühnerstall. Alle haben ihren Platz gefunden.



Leises Gurren begleitet meinen Gesang und ich gebe es zu: ich bin wirklich gerührt und total stolz auf meine Hühnerschar. Was können wir Menschen doch alles von unseren Tieren lernen. Gute Nacht!



 
 
 

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