AUSSENDRAUSSEN Teil 3
- Jun 17, 2019
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„Frau Kolngruber? Ich würd jetzt gern das Leintuch weggeben und mit dem Waschen beginnen. Vielleicht schaffen sie es ja auch, ein bisserl mit zu helfen?“ fragte mich die freundliche, leise Stimme. Mia. Ja, sie war es. Wie sollte ich es machen? Wie könnte ich es schaffen? Wollte ich gerettet werden? Wollte ich es so? So wie es war? Der grässlich schwarze Dämon tauchte unter meinem Leintuch auf. Er grinste. Vertraut. War es doch zuvor schon immer so gewesen.
Dann passierte alles sehr schnell…
„Flanigarda! Wonigonda! Wusabaduuuuuuuuu!“Die langen spitzen Zähne bohrten sich ihren Weg in mein Innerstes. Grinsend fraß er gierig all mein Leben, zerfleischte meine Lungen. Nahmen mir allen Atem. Ich konnte ihn nicht mehr finden. Meinen Atem. Zerrissen, zerstückelt, überall war Blut. „Aus dem Weg! Herzalarm!“ schrie Mias Stimme. Meine Hände suchten alles und konnten nichts finden. Tktm, tktm, tktm, tktm, tktm, tktm, tktm. Applaudierte der Chor der Liegenräder. Helles gleißendes Licht blendete meine Todesangst. Gummihände rissen das Leintuch weg. Gummihände scherten sich nicht um meinen Schmerz. Gummihände stopften und zerrten Gummischläuche in alle meine Löcher.
„Flanigarda! Wonigonda! Wusabaduuuuuuuuu! Wuuuuuuuuuuuuuusaaaaaaabaduuuuuuuu!“
Mit exorbitanter Anstrengung, in vollster Konzentration, plage ich mich jetzt, bemühe ich mich, meine zu mir gehörigen Körperteile zu bewegen.
Dies gelingt mir allerdings nur in einer äußerst bizarren Art und Weise. Was sage ich da, bizarr? Außerordentlich bizarr. Sogar für mich.
„Ja, sogar für mich, weil....“, ich das bin, was ich bin, geworden wurde, einfach so.
Ich, die ich doch im Allgemeinen ein total schräges, groteskes, verrücktes Huhn war. Und es auch geblieben bin, mein ganzes Leben lang.
Ich , die Außen – Draußige. Nicht allein aus dem schrägen Huhn - Gehabe - Grund stehe ich, strukturiert, erfahrungsgemäß, weil statistisch gesehen, chronologisch betrachtet, am äußersten, äußeren Rand der unsrigen, jetzigen sozialen Gesellschaft.
Am Rande der ach so guten, gemeinen Gesellschaft, die sich als solche präsentiert und demgemäß so gesehen, gehört und verstanden werden will, und muss.
Ich und die anderen Draußige, - wir, die am Rande, sind die, die alles hinterfragen.
Die, die sich nicht fügen können.
Die, die sich nicht einordnen und schon gar nicht unterordnen wollen.
Die, die an nichts und gleichzeitig an alles glauben.
Die, die begreifen aber nicht verstehen können.
Die, die sich nicht täuschen lassen und ihr ganzes Leben lang getäuscht werden.
Die, die fühlen, was die Tiefe unter der Oberflächlichkeit des Seins verbirgt.
Die, deren Herz daran zerbricht, dass die Nacht den Tag ablöst.
Jene die spüren, dass es nicht genug ist, einfach nur da zu sein.
Die, die die Grausamkeit der sozialen Ungerechtigkeit der Welt kennen und hassen und gleichzeitig sinnlose, Schmerz erfüllende Zeit damit zubringen, darüber zu weinen und zu klagen, anstatt zu handeln.
Die welche ihr Geld verwetten, weil sie glauben, schnell reich zu werden, aber für die Verwendung von Geldenergien nicht die leiseste Idee haben.
Die, die ihren Schmerz ertränken oder in den Dunst und die Träume der Abgehobenheit hinüberretten. Zumindest für einen kurzen Lebensaugenblick, um gleich darauf wieder herab gerissen zu werden, in die Rauheit der unbarmherzigen Realitätenwelt.
Die, die einen Weihnachtsengel, nein ein ganzes Heer von ihnen, herbeisehnen und gleichzeitig nicht an Engel glauben.
Die, deren einzige wahren Freunde, Monster heißen, Meth oder Alk, egal. Eins davon, oder beides.
Die, solch eine, bin auch ich.
Ich und meine schrecklichen, trüben, dunklen Geheimnisse und mein letzter Ex. All das gesammelt, vereint, zusammengetroffen, passiert, geschehen, unvermeidbar, schicksalhaft, haben mich zu der gemacht, die ich bin.
Am Rande außergewöhnlich, außergewöhnlich am Rande.
Ja also selbst ich, die Schräge, bin jetzt, in diesem einen meinen Lebensaugenblick absolut befremdet über mich selbst.
Befremdet, verwundert über mich, über die Situation, in der ich mich befinde. ! „Mia?“ Wo ist diese zärtliche Stimme geblieben? „Mia?“
Ich stehe irgendwie neben mir. Nicht die geistig gemeinte Art, du weißt schon, wenn dir irgendetwas nicht einfällt. Nein, auch nicht die Peinlichkeit in der man sich befindet, wenn man nicht alle fünf Sinne beieinander hat.
Es ist mehr die formatierte Neben-Sich-Stehende Irgendwiekeit.
Mein Körper ist merkwürdig leicht geworden.
Federleicht.
FORTSETZUNG FOLGT

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