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AUSSENDRAUSSEN Teil 2

  • Jun 10, 2019
  • 4 min read

Allein, einsam, Mutterseelenallein.

Beschämt, unverstanden, verletzt, meinen eigenen Geruch hassend, gedemütigt, weinte ich still in mich hinein, ohne dabei eine Träne zu vergießen und wollte nur noch tot sein.

Irgendwann, als ich keine Tränen mehr hatte, griff ich vorsichtig nach dem Leintuch. Zog es über meinen Kopf, denn dort wo sie mich zum Vergessen um die Ecke gestellt hatten, fuhr der Wind, schon wieder, erbarmungslos über mich hinweg. Er war eisig kalt. Der Wind und mein Gefühl in mir, das mich doch so verletzbar gemacht hatte. Ich spürte eine warme Hand auf dem eisigen Leintuch. Eine leise Stimme konnte ich hören. Sprach sie zu mir? „Bitte, erschrecken sie nicht. Ich nehme sie jetzt mit.“, sprach die Stimme. Sie war sanft. Sie war freundlich. Und trotzdem, wagte ich es nicht, unter dem Leintuch hervor zu sehen. Ich konnte nur fühlen, dass die kalte Plastikliege, auf die sie mich abgelegt hatten in die Wärme gefahren wurde. Die warme, weiche, sauber riechende Decke war plötzlich da. Auf mir. Auf meinem Schmerz.

„Frau Kolngruber, bitte entschuldigen sie, es wird noch ein klein wenig dauern. Ich muss mich erst umziehen. Bin grade in den Dienst gekommen. Ich bin ihre Nachtdienstschwester. Aber ich beeil mich und wenn ich wieder da bin, und wenn sie einverstanden sind, werde ich sie in ein Bett legen.“

Meine Gedanken begannen sich wie in einem Karussell zu drehen. War ich tot? War ich jetzt irgendwo im Himmel, oder so? Nein, der Schmerz war noch da. Die stinkende Scheiße zwischen, auf und unter meinen Beinen, war noch da. Sie war inzwischen verklebt mit meiner Haut, brannte wie Feuer in meiner Vagina. Verpickte meinen Arsch und war einfach überall. Ich wollte so gerne diese Herrlichkeit einer Decke berühren. Ich wagte es nicht. Ich hatte Angst, sie schmutzig zu machen. Die Reinheit nicht beschmutzen. Ich versuchte meine Beine zu bewegen. Zu groß war der Schmerz. Die Haut wund und offen. Keine Chance, zu heilen. Zu lange hatte der Alkohol und das Meth seine Wirkung entfaltet. In mir, auf mir. In meinem Leben. Niemals hatte mich jemand gefragt, wie es sich anfühlt, so alleine und verlassen, in dieser Stadt zu sein. Und doch nicht zu sein. Damals, als die Polizei da war, und mich mit meinem blutverschmierten, geschwollenen Gesicht gefunden hatten, war dieser eine Moment, in dem ich die Wahrheit sagen hätte können. Es war dieser eine Satz, der mich zum ewigen Schweigen gebracht hatte. Der Satz des Gesetze ausübenden, gerechtigkeitsfremden Polizeimann Max.

„Na kummans, Kolngruber, net bled redn. Bled einesaufn und dann den andern die Schuld gebn.“

Er hatte mich mit seinem Stahlkappenschuh, so ganz verstohlen, gerechtigkeitsfanatisch, menschenhassend in den Bauch getreten. Leise, unbemerkt, so, dass es die Nachbarin, die die Polizei angerufen hatte, nicht sehen konnte. Es war dieser Tag, an dem ich alles in mir getötet hatte. Es war dieser Tag, an dem ich begonnen hatte, mich selbst zu hassen. „Aldann, Kolngruber. Fürs Protokoll: Se warn bsoffn. Se san hi gflogn. Und ham de Anricht und den Kleiderständer dabei umghaut. Se haben de Flaschn auf’n Bodn ghaut. Und se dann mit da Flaschn in de Brust einegschnittn. Eh wurscht. Heast, Ferdi, schreibs amal auf. De is ja vü zu bsoffn fürs Protokoll.“ Es war der Tag, an dem ich es verstanden hatte. In meiner Welt war für die Wahrheit kein Platz mehr.

„Grüß Gott, Frau Kolngruber, jetzt bin ich wieder da. Ich bin die Schwester Mia. Ich würd sie sehr gerne waschen und dann in das Bett legen. Leider kann ich das nur hier hinter dem Vorhang machen. Wir haben hier bei uns auf der Ambulanz leider keinen eignen Waschraum. Auf die Station kann ich sie auch nicht bringen lassen, denn da gibt’s jetzt schon zu viele Gangbetten. Also, was meinen sie, wäre das für sie in Ordnung, wenn wir das so machen?“

Und es war dieser Tag, dieser eine Tag, an dem ich eigentlich dachte, dass ich völlig irre geworden war. Und es war dieser eine Tag, an dem ich nix mehr verstehen konnte. Und doch fühlte ich mich dem Himmel ein kleines Stück näher. Doch meine Angst, dieses kleine Stückchen Himmel, wieder zu verlieren, war stärker, als alles andere. War es doch zuvor schon immer so gewesen. Alles verloren. Alles geglaubt. Und alles verloren. Der Schmerz, den du empfindest, wenn du alles gefunden hast, und es genau weißt, dass du wieder verlieren wirst. Und dann, wenn du dann doch wieder verloren hast. Der geht nie mehr wieder weg. War sie die eine? Die aus der Hölle empor gekrochen war? Um hämisch grinsend meine Hoffnung, die vielleicht doch noch – ein wenig – tief in meinem Herzen geschlummert hatte, all die Jahre, hervor zerren wollte? War Mia die, sie, die hier gierig all die verlorenen Seelen, zusammenklaubt. Um ihnen den Todesstoß zu versetzen? Ich war ihr ausgeliefert. Hier, an diesem Ort der Sauberkeit und Heilung und vor den Augen des fettbauchschwangeren Arztes. „Frau Kolngruber? Ich würd jetzt gern das Leintuch weggeben und mit dem Waschen beginnen. Vielleicht schaffen sie es ja auch, ein bisserl mit zu helfen?“ fragte mich die freundliche, leise Stimme. Mia. Ja, sie war es. Wie sollte ich es machen? Wie könnte ich es schaffen? Wollte ich gerettet werden? Wollte ich es so? So wie es war? Der grässlich schwarze Dämon tauchte unter meinem Leintuch auf. Er grinste. Vertraut. War es doch zuvor schon immer so gewesen.

Dann passierte alles sehr schnell…

FORTSETZUNG FOLGT

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