AUSSENDRAUSSEN Teil 1
- Jun 3, 2019
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Ich lag einige Tage, zwei oder drei, am Boden, in meiner Whisky - Kotze, in meinem Urin, in meinem stinkenden Kot.
Ich konnte nicht aufstehen. Alle Kraft war aus mir gewichen. Mein Leben war eine Katastrophe, ein einziger Trümmerhaufen. Alles war zu Ende für mich. Wieder einmal.
An irgendeinem Morgen ließ der pingelige, unsympathische Exekutor Hauser, ein kleiner hässlicher, überkorrekter, von der wirklichen Welt nichts wissende Beamtenmann, von der Feuerwehr und der Polizei meine Tür aufbrechen. Ich bin mir sicher, dass er bei jeder Wohnungsöffnung einem Sinnesrausch nahe wahr, den er sonst in keiner Situation seines armseligen Beamtendaseins fühlen konnte.
Die Miete war einige Monate nicht bezahlt.
Sie brachen ein in mein Nest, in meine eigenen vier Wände, in denen ich einst lebte, liebte, litt. Sie drangen ein in meinen geschützen Bereich, der sie gar nichts anging.
Sie betraten mein muffliges Zuhause mit schweren Schritten, großen Gerechtigkeitsfüßen, die in schwarzen, glänzend polierten Stiefeln steckten.
Da fanden sie mich, ein Stück Scheiße liegend in der eigenen Scheiße.
Angeekelt legten sie mich auf die Rettungsbahre. Die helfenden Samariter-Sanitäter. Mit grellroten Helferjacken und blitzenden grellen Signal – Streifen.
Helfer in der Not! Wir kontrollieren Leben und Tod!
Gesetzausübender, gerechtigkeitsfremder Polizeimann Max stand hinter der Tür.
Ich hörte ihn zu dem angewiderten Sanitäter, auf dessen Stirn ganz groß geschrieben stand: „Ja, ja das kommt von das! Ka Wunda!“, sagen: “Schrecklich, wie die heruntergekommen ist. Aber wem sag ich das. Ihr kennt das ja eh zu gut. Der Abschaum. Habt’s auch keinen leichten Job. Die, die da drin, die sauft wie ein Loch. Und dann kann’s nimmer mehr auf. Eh scho lang. Ja, die kenn ma eh schon. . Voll abgefackt, die Frau. Dabei ist sie erst 38.“
Polizeimann grinst- : „Sieht aus wie 50 mindestens, gell? Ja, den Gatten werden wir verständigen. Ohne Schmäh! Jooo! Die is ver hei r a te t ! No! Gangen is a eh scho, der Gatte. Der hat das anscheinend nimmer ausgehalten, dieses Elend. Ist wahrscheinlich bei seiner Mutter. Armer Kerl. Naja irgendwann gibst das auf. Hatten wir alles schon mal. Nein, sonst gibt’s keine Angehörigen. Kinder, na Gott sei Dank nicht. Eltern tot. Geschwister keine. Arbeit, - na wie denn? Was denn? Freunde?“ - breites Grinsen! -
“Na höchsten noch ein paar Saufkumpane. Na, sicher. Das Sozialamt weiß schon lange Bescheid. Alles zwecklos. Die will ja nix hackeln. Sozialempfänger – seit JAAAHREN! Total im Eck.“
So sei es, gerechte Strafe. Sozialschmarotzer. Versager. Kein Entsetzten, kein Mitleid, kein Bedauern, keine Herzenswärme.
Mein Außendraußen war perfekt.
Meine Chancen gleich null.
Abgestempelt, abgehakt, unerwünscht….
Wegschauen und so tun, als ob eh nix wär, geht nicht.
Die Moral, die Moral schreit laut und die Hilfe ist gleichzeitig Anklage. Ein Teilen der Menschheit in Gut und Schlecht! Wer hat die dazu erkoren, die das tun?
Abladen ins Krankenhaus, weil nicht anders möglich. Weil auch so in der Sozialstruktur vorgegeben.
Dort bin ich dann in meinem Dreck noch ein paar Stunden gelegen. Frierend. Mein ganzer Körper war en einziger Schmerz. Außen und innen.
Die Schwester hat mich mit einem dünnen Leintuch zugedeckt.
Mir war so eisig kalt.
Außen und innen.
Verächtlich hat sie auf mich herabgeschaut:“Wenn's geht, nicht auf den Boden speiben! BITTE!“
Der Arzt, der einen Bauch wie eine Schwangere hatte, hat das Leintuch wieder weggerissen. “Was sollen wir da machen? Ganzkörperröntgen? Schädel reicht. He, hörst mich?!“ Er knufft und pufft mich mit seiner sauberen, gerechten rechten Faust in den Oberarm. Zwickt mich in mein Ohr. „Hat eh keinen Sinn. Die red nix. Dann stellt sas um die Ecke zum Ausnüchtern. Die is ja stockbesoffen und runtergekommen. Widerlich!“ der schwangere Arzt, mit viel Fettbauch und wenig Haar am Kopf, wandte sich gleichgültig, menschenfeindlich angeekelt ab und betrachtete erleichtert, wohlwollend sein Spiegelbild.
Allein, einsam, Mutterseelenallein.
Beschämt, unverstanden, verletzt, meinen eigenen Geruch hassend, gedemütigt, weinte ich still in mich hinein, ohne dabei eine Träne zu vergießen und wollte nur noch tot sein. FORTSETZUNG FOLGT

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