PRINZESSIN FETTSCHWARTE
Aktualisiert: 19. März

Ein Montagmorgen an einem klirrend kalten 1.Jänner früh um 5.30h
in dem hässlichen kackgrünkachelig einzigen Kreissaal eines altmodischen kleinen Landkrankenhauses tat ich meine ersten Lebensschreie. Mit einem dünnen krächzenden Stimmchen protestierte ich gegen diesen anstrengenden Gewaltakt, der einfach so passierte – einfach so - Ohne dass mich vorher jemand um mein Einverständnis gefragt hätte. Zwei kräftige Hände packten mich an den Schultern und zogen mich mit einem Ruck in mein neues Dasein. Es war da in dieser Welt viel zu kalt, viel zu hell und unendlich weit und leer. Schon in diesen ersten Sekunden sehnte ich mich zurück in meine kuschelige Mamahöhle, in der ich 269 herrliche Wohlfühltage rumschwamm. „Absaugen!“ schrie irgendeine grelle Stimme. Ein langes gummiges Ding fuhr in meinen Hals und ich kotzte das erste Mal auf mein neues Leben.
„52cm, 3069g!“-„Aber hallo, was haben wir da für eine Prinzessin… Fettschwarte…“ „Meine liebe Frau Engelbert, wir gratulieren! Sie haben eine Tochter geboren und…sie ist wohlauf und gesund und…rund. Haben Sie schon einen Namen für ihre Prinzessin?“ die grelle Stimme mit den kräftigen Hände packten mich auf was weiches Warmes. Der feinsüßliche Geruch kam mir sofort bekannt vor.
„Berta soll sie heißen. Meine liebe süße kleine Berta.“
Ein Montagmorgen an einem klirrenden 1.Jänner früh um 5.30h 21Jahre später
Die Zahlen meiner Waage leuchteten in neonorange und viel zu groß und unerbittlich ehrlich - 101 Kilo. Ächzend rollte ich runter und wieder rauf. Null Chance auf einen Irrtum – 101 Kilo. Wieder runter. Stöhnend zerrte ich mein Nachthemd über mein Kraushaar. Noch ein Versuch.
101 Kilo schwer – 162cm klein - Hühnerkacke! Guten Morgen Prinzessin Fettschwarte! Jetzt hast du es geschafft. Du bist über die hunderter Marke drüber. Fette Tränen kullerten über meine fetten Wangen und kullerten und kullerten und wollten nicht aufhören zu kullern. Nicht mal irgendwas hat‘s genutzt – die angeblich so tolle angepriesene eklige Krautsuppendiät. Die letzte Hungerkur, die ich ganze drei Wochen durchgehalten hatte. Drei Wochen, ehrlich jetzt aber, das ist sooooooooooo lang. Eeeeeewig – oooohne meine heißgeliebten Kardinalschnitten. Gelitten, 21 Tage lang ohne wundervolle Semmelknödel mit Schweinsbraten, Schnitzerl–mhh, -nein- Kaiserschmarrn mit Zwetschkenröster – nicht erlaubt - Keine Schokolade, Nutella – verboten, Erdnussbutter – gestrichen, Pommes – nicht ein kleines feines, keine knackige Wurstsemmel, keine Marillenknödel, nullkommanix mit Lecker Spaghetti Lasagne und Pizza. Nix mit Chips – fix, was für ein beschienenes Leben.
Ich flüchtete mich in mein – für meine Begriffe viel zu kleines - Badezimmer, ohne Spiegel. Mein Prinzessinnenbadezimmer mit vielen kleinen violetten Rosen an den rosaroten Wandfliesen. Zitternd, bebend drehte ich die rosa Brause auf. Schluchzend zog ich meinen rosa Duschvorhang zu. Weg, weit, weit weg wegspülen wollte ich mich aus meinem mir so sehr gehassten Fettschwartenleben. Wimmernd sah ich, dass die himbeerrosa Schaumblasen im Ausguss hängen blieben und stellte mir vor, dass es mein schwabbelig, grausliches Fett war, das da hinein in den Abfluss rann und in dunklen Kanälen auf Nimmerwiedersehen verschwand.
Eine Stunde später hörte ich mich zu Frau Binder, meiner Chefin sagen: hüstelnd mit verschleimter, verrotzter Stimme – eh klar nach der Heulerei – „Guten Morgen Frau Binder. Äh, Entschuldigung, es tut mir sehr leid. Weil, ich kann heute nicht kommen. Ähm“ - „ Weil, weil ich bin krank.“ „Ja, guten Morgen Frau Engelbert! Na, dass ich das auch mal erlebe. Sie und krank? Das muss ja wirklich schlimm um Sie stehen. Machen Sie sich keine Sorgen, packen sie sich ins Bett und kurieren Sie sich gut aus. Baldige Besserung!“ „Ja, ähm, ja, - danke.“ , hüstelte ich verlegen und legte schnell wieder auf, aus lauter Angst, Frau Binder könnte meine Schamesröte und meine roten Flecken am Hals sehen, die unerbittlich - selbst hinter dicker fetter Schminke zu sehen waren, wenn ich was ausgefressen hatte oder mich schämte. Und schämen, das tat ich in meinem Fettschwartendasein oft, sehr oft, sehr, sehr oft, täglich, mehrmals am Tag, solange ich zurückdenken konnte.
Meine Mama und ich wohnten in meiner Baby und Kleinkindzeit zur Untermiete auf einem Bauernhof, an dem meine heißgeliebte Mami arbeitete. Sie war dort praktisch „Mädchen für alles“. Flink und fast geräuschlos wieselte sie durch Haus und Hof. Sie kochte, putzte, wusch, bügelte, half am Feld, im Stall-sie flickte und nähte. „Meine liebe Prinzessin Berta, „ sagte sie an jedem Tage mit würdevoller Miene, wenn sie mich weckte: „Du hast das außerordentliche Glück hier auf diesem herrlichen Gut groß zu werden. Und ich erwarte mir von dir Fleiß, und Gehorsam. Höre gut zu, und lerne. Sei stets gut zu den Menschen und vergiss niemals bitte und danke zu sagen. Sei leise und unauffällig, lache niemanden aus und bedenke: du bist zwar meine einzige Prinzessin – aber ein klitzekleines Teilchen in einem riesigen Universum, von dem wir nicht wissen, wo es beginnt und wo es endet.“ Dabei strich sie mir lächelnd meine Locken aus dem Gesicht und gab mir einen kleinen Kuss auf meine Nase.
Ich kann mich noch so gut an diese Zeit mit meiner Mutter erinnern. Ich liebe diese Zeit, und meine Gedanken darüber. Ich hatte wirklich Glück. Die Familie denen dieses Gut gehörte, war eine sehr wohlhabende Familie. Sie hatten meine Mutter und mich damals aufgenommen, als wir unser Zuhause verloren hatten.....
FORTSETZUNG FOLGT




Kommentare